14 August 2011

Naomi & Ely

Ich lüge andauernd. [...]
Wir haben so viel miteinander durchgestanden, was sind da fünfzehn Minuten, die ich noch länger auf ihn warten muss? Solange er noch nicht da ist, kann ich in aller Ruhe meine Lügenmärchen aufrollen.
Er geht nie weg und legt nie auf, ohne vorher "ich lieb dich" zu flüstern. Das ist seine Art, mir Tschüss zu sagen- ein Versprechen auf zukünftige Zeiten, in denen wir immer noch zusammen sein werden. Ich lüge, wenn ich ihm daraufhin seine Wörter zurückgebe: "Ich lieb dich auch."
Es ist so aberwitzig vielschichtig, was man alles meinen kann, wenn man diese drei Wörter sagt: "Ich liebe dich." Die Komplexität der verschiedenen Ebenen würde ein haarsträubend trickreiches Computerspiel ergeben, falls jemand sich irgendwann in der Lage fühlen sollte, dafür das Konzept zu entwickeln.
Ebene 1: "Ich liebe dich" zu meiner Mutter- weil du mich zur Welt gebracht hast, mich ernährst und großziehst, weil du mich in den Wahnsinn treibst, ich dich aber trotzdem noch unbedingt brauche. Die Grundlage für alles.
Ebene 2: "Ich liebe dich" zu meinem Vater- mit einem Ernst gesagt, der gleichzeitig eine Spur zu kalt klingt, abwartend und misstrauisch, ob er dieses Gefühl auch tatsächlich zurückgibt, wenn er mir antwortet. Härter.
Ebene 3: Das spielerische "Ich liebe dich", dass ich meinem Freund hinwerfe, wenn er vor dem Hörsaal mit einem heißen Kaffee und einem Donut auf mich wartet. [...]
Ebene 4-9: Ausdruck für die großen Leidenschaften in meinem Leben- Discomusik, Snickers, Spiele im Treppenhaus, das Glück, mein Leben bisher mit meinen Freunden geteilt zu haben.
Ab hier wird das Spiel dann richtig schwierig.
Ebene 10 (aber in einer völlig anderen Dimension, in der es möglicherweise nicht mal Zahlen gibt): "Ich liebe dich", wenn ich es zu ihm sage- und ihn dabei nicht anlüge. Aber mir etwas vorlüge. Er nimmt dieses Ich-liebe-dich als etwas ganz Natürliches, wie das eine Beste-Freundin-fast-Schwester eben so sagt. Und Spieler eins: ich meint es auch so. Ganz aufrichtig. Aber sie meint es vielleicht auch noch anders. Verwirrend anders. Unmöglich anders. Das Spiel stürzt ab.
Die Wahrheit drängt sich herein. Mit Lügen lässt sich einfacher spielen.
Ich habe ihn angelogen, als ich ihm gesagt habe, schwul sei für mich kein Problem. Was auch stimmt. Nur nicht bei ihm. Er war mir doch vorbestimmt, wir sollten glücklich und zufrieden bis ans Ende aller Tage leben, weil das Schicksal es so wollte. [...]
Schwul ändert nichts. Schwul ändert an allem gar nichts- nicht an unserer gemeinsamen Vergangenheit und auch nicht an unserer gemeinsamen Zukunft.
Schwul
heißt nicht, dass ich nicht so lange warten werde, bis er es vielleicht einen Augenblick mal nicht ist...
__________________________________________
Aus: Naomi & Ely- die Liebe, die Freundschaft und alles dazwischen, by Rachel Kohn/ David Levithan

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen